Der Widerspruch:

Regionalität liegt im Trend, ist den Sachsen aber zu teuer!

Vor wenigen Tagen stellte der sächsische Agrarminister Thomas Schmidt in Pirna die Ergebnisse einer aktuellen Marktstudie vor, die das Agrarministerium in Auftrag gegeben hatte. Öffentlich wurden diese recht positiv dargestellt. Möglichweise möchte die Politik so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugen und von der unaufhaltsam fortschreitenden Industrialisierung und Globalisierung im Agrar- und Lebensmittelsektor ablenken.

Wir von „Leckeres Sachsen“ haben uns die Studie genauer angesehen und ganz ernüchternde Fakten festgestellt, welche die praktischen Beobachtungen von regionalen Erzeugern und Direktvermarktern direkt bestätigen.

Sachsen kaufen bei den Handelskonzernen
So entscheiden sich lediglich 30 Prozent der sächsischen Verbraucher beim Einkauf bewusst für ein Lebensmittel und achten gezielt auf die regionale Herkunft. Der Fokus der meisten Verbraucher liegt eher auf dem Preis als auf Regionalität oder Saisonalität. Die meisten Sachsen kaufen Lebensmittel im SB-Warenhaus bzw. in Supermärkten die den großen internationalen Lebensmittelhandelskonzernen angehören. Am häufigsten kaufen Sachsen Lebensmittel bei Kaufland ein. Kaufland ist eine Lebensmittel-Einzelhandelskette der Schwarz Beteiligungs GmbH mit Sitz in Neckarsulm und Bestandteil der Schwarz-Gruppe, zu der auch der Lebensmittel-Discounter Lidl gehört. Dieser Handelskonzern allein erzielte 2014/15 einen Umsatz von 79,3 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In diesem Zeitraum erwirtschaftete die gesamte sächsische Ernährungswirtschaft zusammen einen Jahresumsatz von lediglich rd. sieben Milliarden Euro. Bundesweit liegt übrigens nicht Kaufland, sondern Aldi in der Einkäufergunst vorn.

Umso stärker verarbeitet, desto mehr ist regional egal
54 Prozent der Sachsen kaufen generell nicht in Bio-Supermärkten noch bei der Direktvermarktung, die anderen meist nur sporadisch. Geschmack, Saisonalität, Aktionsware und Preis sind die wichtigsten Entscheidungskriterien beim Einkauf von Lebensmitteln. Regionalität liegt erst auf Platz fünf. Die ökologische Erzeugung spielt eine geringe Rolle. Allgemein wird sichtbar, dass Regionalität bei unverarbeiteten bzw. wenig verarbeiteten Lebensmitteln eine größere Rolle spielt als bei stark verarbeiteten wie Konserven, Speiseöl oder Tiefkühlkost. 90 Prozent der in den Supermärkten angebotenen Produkte sind allerdings keine echten (ursprünglichen) Lebensmittel, sondern behandelte bzw. weiterverarbeitete Präparate, auf deren Verpackung der Verbraucher kaum mehr die Herkunft der einzelnen Zutaten nachverfolgen kann. Die meisten Menschen glauben an Regionalität, wenn darauf steht: in Sachsen oder von einer in Sachsen ansässigen Firma produziert.

Regional – so wie es gerade gebraucht wird
Die Definition von Regionalität ist ohnehin sehr subjektiv und situativ. Die einen denken bei regional an einen Umkreis um den Ort, in dem sie leben, andere an das Bundesland oder einen bestimmten Landstrich. Einmal wird Region großzügig mit Deutschland übersetzt, ein anderes Mal ganz eng mit dem eigenen Wohnort. Entsprechend flexibel handhaben insbesondere die Handelsunternehmen die Ausgestaltung ihrer regionalen Sortimente. Sie werben wahlweise mit einem Landstrich, dem Bundesland, benachbarten Bundesländern oder auch Deutschland, eben so, wie sie es zur Absatzsteigerung gerade brauchen.

Direktvermarkter haben das nachsehen
Die Zahl der Käufer in der Direktvermarktung ist über die Jahre zurückgegangen. Zum einen geben die Kunden an, häufig zu lange Anfahrtszeiten einplanen zu müssen. Zum anderen setzt der Lebensmitteleinzelhandel mit zunehmenden Marketingkampagnen bei regionalen Produkten die kleinen Direktvermarkter immer stärker unter Druck. Die größten Probleme, die Direktvermarkter in der Befragung genannt haben, sind fehlende Kundschaft, mangelnde Kaufkraft, der Preiswettbewerb und die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Kunden.

Regional gebacken, doch woher stammt das Getreide?
Die Angaben des Fleischer- und Bäckerhandwerks sind für „Leckeres Sachsen“ nicht nachvollziehbar. So kaufen fast 90 Prozent der Bäcker ihre Rohstoffe zumindest teilweise in Sachsen. Das mag insofern zutreffen, da die betreffenden Großhandelsunternehmen meist mit Filialen in Sachsen ansässig sind.  Doch woher die Rohstoffe aus dem Großhandel wirklich stammen, kann kein Bäcker nachvollziehen. Nur jede zehnte Bäckerei nutzt für ihre Produkte ausschließlich Rohstoffe aus Sachsen, wo auch die Herkunft der verwendeten Mehle etc. garantiert wird. Darum sollte bei „regional“ immer geprüft werden, ob es sich dabei eigentlich nicht nur um die örtliche Verarbeitung oder auch nur um die Verpackung handelt. Ein „Hildegard-von-Bingen“-Brot vom regionalen „Handwerksbäcker aus dem Erzgebirge“ gibt es in der gleichen Zusammensetzung des deutschlandweit agierenden Großhändlers für Backmischungen auch beim Bäcker am Bodensee und in Berlin.

Zwischen Stall und sächsischer Fleischerei gibt es keinen regionalen Schlachthof!
Auch die meisten befragten Fleischereien in Sachsen wollen ihre „Rohstoffe“ bislang regional bezogen haben und kaufen Schlachttiere, Fleisch bzw. Fleischwaren angeblich zumindest teilweise in Sachsen. „Leckeres Sachsen“ weiß, wie es mit der deutschlandweiten Konzentration riesiger industrieller Schlachthöfe aussieht und kann wegen sachsenweit fehlender Schlachthöfe nur „mit dem Kopf schütteln“ angesichts solcher Aussagen. Fast kein Fleischer hat noch einen zertifizierten Schlachtraum und das entsprechend geschulte Personal, um herangewachsene Nutztiere von umliegenden Tierhaltern sachgerecht zu schlachten. Es wäre einfach zu teuer für billig-orientierte Verbraucher! Hier schließt sich wieder der Kreis.

Ja, Regionalität liegt im Trend!
Aber zwischen Regionalität und Regionalität ist ein himmelweiter Unterschied.
Die mächtige Lebensmittelindustrie überholt die Region schneller, als deren regionale Produzenten reagieren können.

Gern erfahren Sie mehr von uns.

Leckeres Sachsen – Ingenieurbüro für regionales Agrarmarketing